Agile Produktentwicklung | Methoden

Lean Startup Vortrag bei einer großen Versicherung

Anfang Februar bekam ich per E-Mail eine Anfrage, ob ich nicht etwas zum Agile Day einer großen deutschen Versicherung beitragen möchte. Vor allem zum Thema Lean Startup wurde noch ein Sprecher gesucht. Als regelmäßiger Besucher des LeanCamp Stuttgart, und zuletzt auch Teil des durchführenden Teams, konnte ich dazu einfach nicht Nein sagen.

Da ich nur eine Woche Vorlauf hatte, stellte sich die Erstellung des Vortrags relativ kurzfristig dar, aber ich wusste ja was ich rüberbringen wollte. Wichtig war mir ein Verständnis dafür zu schaffen, dass die Vorgehensweisen aus Lean Startup auch für große Konzerne Sinn machen und auch warum. Dabei stützte ich mich auf die Theorie, dass der Markt, den wir bedienen wollen, ein komplexes, adaptives System ist und somit emergentes Verhalten aufweist. Einfacher gesagt wollte ich theoretisch untermalen, warum wir so schlecht vorausplanen können, ob unsere coole Idee am Markt auch angenommen wird, und dass das zur Folge hat, dass wir uns an eine gute Lösung durch Überprüfung unserer Annahmen „herantesten“ müssen.

Daniel beim Lean Startup Vortrag
Einführung in das Cynefin Modell

Der restliche Vortrag war im Prinzip eine kurze Übersicht über Lean Startup und eine Erklärung der damit Verbundenen Konzepte und Begrifflichkeiten. Zum Abschluss habe ich noch einige meiner persönlichen Lieblingstools vorgestellt, angefangen mit dem Business Model Canvas von Alex Osterwalder oder alternativ dem Product Vision Board von Roman Pichler. Mit einer Vision auf Basis eines dieser Tools benutze ich dann gerne Proto-Personas um das Kundensegment genauer zu beschreiben, wofür Roman Pichler auch ein schönes Template zum Download anbietet. Die Personas entwickle ich gerne mit Empathy Maps, die unter anderem im Buch „Game Storming“ erklärt werden. Dann durften natürlich User Story Maps, wie von Jeff Patton beschrieben, nicht fehlen. Hier habe ich auch erklärt wie man diese benutzen kann, um besonders kritische Annahmen im Produkt zu identifizieren, und daraus abgeleitet passende MVPs planen kann. Am Ende habe ich noch die Methode Crazy 8 gezeigt, die zur Generierung von Ideen für UI-Sketches dient, und dies als Aufhänger genutzt für einen Erfahrungsbericht zu Google Design Sprints, die sich ja stark an Lean Startup und Design Thinking orientieren. Bei der abschließenden Frage, wer noch denke, dass für die neuen Produkte und Dienstleistungen der genannten Versicherung nicht die selben Gesetze wie für ein Startup gelten würden, ging am Ende dann keine einzige Hand mehr hoch. Ich bot daraufhin an im Rahmen des Open Space noch eine Session zu moderieren, in der wir einige der Tools beispielhaft ausprobieren. Die Folien zu meinem Vortrag können hier heruntergeladen werden: Meine Folien.

Daniel beim Lean Startup Vortrag
In der Fragerunde am Ende des Vortrags

Die Open Space Session taufte ich „Wir bauen eine App in 45 Minuten!“. Als tatsächlich einige Interessenten zu der Session erschienen, fragte ich eine Idee für eine App ab, worauf eine Teilnehmerin die Idee hatte eine „Aufweck-App“ zu designen für Leute, die in der Bahn die Haltestelle verschlafen. Wir begannen diese Idee mit Hilfe des Product Vision Boards näher zu beleuchten, und trafen dabei unter anderem die Entscheidung, dass die App nach dem Freemium Modell vertrieben werden sollte. In der Diskussion mit der Gruppe fanden wir schnell mehrere speziellere Kundensegmente, die sich unter dem Überbegriff „müde Bahnfahrer“ zusammenfassen lassen.

Tools aus dem Lean Startup Vortrag im Test
Product Vision Board für die „Aufweck-App“

Wir entschieden uns dann gegen die Entwicklung von Personas und starteten direkt mir einer kleinen User Story Map, bei deren Erstellung in einem brainstormingartigen Verfahren sehr viele neue Ideen und Optionen herauskamen. Am Ende sah die Story Map mehr wie eine Map für eine Reiseplanungs-App aus, was der Gruppe klarmachte, dass man als Product Owner auch bereit sein muss Dinge weg zu lassen, oder ursprüngliche Visionen umzuwerfen, wenn man ein geradliniges und klares Produkt entwickeln möchte. Die Story Map beließen wir aus Zeitgründen in einem gröberen Zustand, da wir noch ein Story Board mit groben Wireframes entwickeln wollten, das sich am Backbone der Story Map orientiert.

Tools aus dem Lean Startup Vortrag im Test
Grobe User Story Map für die „Aufweck-App“

Dazu probierten wir noch schnell die Methode Crazy 8 aus, bei deren Anwendung wiederum viele bisher weder in der Vision, noch in der Story Map berücksichtige Ideen ans Tageslicht kamen. Am Ende mussten wir an dieser Stelle abbrechen, da die 45 Minuten, die wir als Timebox für die Session hatten um waren.

Tools aus dem Lean Startup Vortrag im Test
Ergebnisse nach 5 Minuten Crazy 8

Die Session reichte dennoch um den Teilnehmern die Tools aus dem Vortrag näher zu bringen, und zu verdeutlichen was passiert, wenn man keine klaren Entscheidungen trifft und wie schnell man mit leichtgewichtigen Tools und einem guten Team in dem jeder motiviert mitarbeitet komplette Konzepte erarbeiten kann. Beim nächsten Mal wünsche ich mir etwas mehr Zeit, sodass wir am Ende mit Hilfe einer Anwendung wie PopApp die Papierprototypen noch schnell zu einem Klickdummy verarbeiten können, und die Gruppe als Teil der Session ihre App Idee noch einem Hallway-Test unterziehen kann. Das würde sicher auch bei den Teilnehmern noch mehr Eindruck schinden. So haben wir das dann auch als „nächste Schritte“ im Debriefing der Session festgehalten.

Tools aus dem Lean Startup Vortrag im Test
Nächste Schritte zum fertigen Prototyp

Nach einigen Gesprächen und viel gutem Feedback fuhr ich dann am Ende des Tages wieder nachhause nach Stuttgart. Auch für mich war es ein spannender Tag und ich würde es auf jeden Fall wieder machen. Falls also jemand mal wieder einen Sprecher oder Workshop-Facilitator sucht, ich kenne da jemanden… 🙂

Nachtrag: Hier gibt es jetzt ein Glossar zum Artikel zum herunterladen.

Bild des Autors

Daniel Hommel

Agiler Coach

Seit meinem achten Lebensjahr ist Softwareentwicklung mein Steckenpferd. Ab 2005 begann ich die Praktiken des Extreme Programming (XP) immer ernsthafter anzuwenden und fing an, mich mit Software Craftmanship und Clean Code zu befassen. Nach über 10 Jahren als Entwickler wurde ich 2011 in die Rolle des ScrumMasters gerufen. Heute brenne ich als Agile Coach vor allem dafür, Veränderungsprozesse zu begleiten, um die versteckten Potenziale in Ihrem Unternehmen zu heben.

daniel.hommel@emendare.de

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