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Produkt vs. Projekt Haltung – was ist damit gemeint?

oder warum Produkte scheitern

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Marty Cagan schreibt häufig vom Projekt- und Produktmindset, Scrum sagt ganz klar, dass es ein Framework zur Entwicklung von Produkten ist und auf Twitter findet man häufiger #NoProject Tweets. Da ich vor langer Zeit selbst als Projektleiter ausgebildet wurde und gerne in Projekten denke, ein Grund nachzuforschen, wo denn das Problem liegt.

Zunächst eine Tabelle, um herauszufinden, was mit Projekt und Produktmindset gemeint ist. Diese Tabelle basiert auf einem Artikel von Marty Cagan und meinen eigenen Beobachtungen. Ich habe einige Punkte leicht abgewandelt und eigene Punkte aufgenommen bzw entfernt.

 Projekt MindsetProdukt Mindset
Sinn
  • „Sagt uns, was wir tun sollen, und wir bauen es Euch“ (Söldner)
  • „Wir lösen die Probleme der Kunden“ (Problemlöser)
Anforderungen
  • Anforderungen werden von Stakeholder eingesammelt
  • in Roadmaps priorisiert
  • implementiert
  • Wir wissen nicht, was das beste Produkt ist und müssen dies in mehreren Iterationen mit Wendungen und Änderungen herausfinden (Product Discovery)
Mitarbeiter
  • Projekt Management
  • Upfront Business Analysts / Requirement Engineers
  • Outsourcing
  • (starke) Produkt Manager
  • User Experience Experten
  • Entwickler mit Blick für den Kunden
Budget
  • feste Projektbudgets
  • vorab definierter Scope
  • große Liefereinheiten (Badges)
  • basierend auf Ergebnissen (Outcome)
  • kleine Liefereinheiten (Badges)
Steuerungsziele
  • Sicherheit
  • Vorhersehbarkeit
  • Auslastung
  • Neues lernen
  • Wertmaximierung
  • Innovationen
Prozess
  • lange Phasen
  • „Staffellauf“
  • Iterative und inkrementelle Vorgehen
  • „Rugby“
Organisation
  • Funktionsorientierte Arbeitsgruppen (Entwickler, Designer, Tester, Produkt Manager…)
  • Übergabe / Staffellauf
  • eine Person arbeitet in vielen Teams für viele Projekte (Auslastung)
  • Crossfunktionale, lieferfähige Teams
  • Zusammenarbeit
  • Eine Person arbeitet in einem Team für ein Produkt
Verantwortung
  • Aufgrund der Verteilung auf viele Arbeitsgruppen sehr diffus
  • Fingerpointing, wenn etwas schief geht
  • Fehler werden bestraft
  • klare Verantwortung für das Ergebnis beim Team
  • Team übernimmt Verantwortung
  • Fehler sind Lernmöglichkeiten

Und was wird nun aus meinem Projektbegriff? Ich benutze für die Strukturierung meiner Vorhaben weiterhin den Begriff Projekt – auch innerhalb einer Produktentwicklung.

Viele der Punkte, die in der Auflistung auf der linken Seite stehen sind nicht dem Begriff Projekt oder einer Projektmanagement Methode zuzuschreiben. Die linke Seite ist eine Sammlung aus vielen Disziplinen, Methoden und Quellen, die allerdings die Situation in vielen Organisationen recht gut beschreibt. Projekt ist die falsche Überschrift. Aber Taylor-Multitasking-Matrix-Projekt-Methode passt nicht besser und gibt es nicht.

Wenn es um Innovationen und die erfolgreiche Entwicklung eines neuen Produktes geht sind die Punkte auf der linken Seite suboptimal und eine Orientierung bzw. ein Wandel zu den Punkten auf der rechten Seite wird nicht nur von Marty Cagan empfohlen. Die Tabelle gibt es zum Selfassessment als Download.

Bild des Autors

Heiko Stapf

Agiler Coach, Entrepreneur, Innovations- & Produktmanager

Ich unterstütze Unternehmen bei der Entwicklung digitaler Produktstrategien und der Einführung und Umsetzung agiler Entwicklungsmethoden.

heiko.stapf@emendare.de

Neueste Artikel

  1. Hallo Heiko,

    nun bin ich endlich mal dazu gekommen, Deinen Artikel zu lesen. Und ich spüre Widerspruch in mir: schon bei der ersten Aussage zu „Projekt“ habe ich ein grundlegend anderes Verständnis, denn wenn mir jemand sagt, was ich tun soll, dann ist das für mich definitiv kein Projekt. Der tayloristische Teil der Organisation ist eher so gebaut, dass er über Anweisungen arbeitet. Wobei ich zustimmen muss, dass Projekte leider oft wie beschrieben gelebt werden. Dann liegt dem aus meiner Sicht jedoch ein falsches Verständnis davon zugrunde, was ein Projekt ist.

    Für mich ist Projekt in erster Näherung eine Organisationsform, um etwas Neues zu erschließen. Dazu bediene ich mich verschiedener Elemente, die dafür sorgen, dass die Zusammenarbeit verschiedener Experten gelingt Das Ergebnis des Vorhabens ist ein Nutzen, den ich für meine Organisation schaffen will. Wir könnten das Produkt nennen. Als Team sind wir dafür verantwortlich, diesen Nutzen herzustellen, wobei es keine Garantie gibt, dass dies gelingen wird. Als Projektleiter bin ich Täter (im positiven Wortsinne) und kein Befehlsempfänger (da hatte ich mal drüber geschrieben: https://blog.projektmensch.com/2014/08/15/gute-projektleiter-sind-taeter-nicht-opfer/)

    Wenn wir die Lösung, wie wir den Nutzen herstellen wollen, von vorneherein nicht kennen, dann gehen wir iterativ vor. Was nur logisch ist. Ebenso wie es logisch ist, möglichst früh und in kleinen Bestandteilen zu testen, damit uns die Qualität nicht aus dem Ruder läuft.

    Die obige Gegenüberstellung von Projekt und Produkt halte ich insofern für nicht passend, denn damit entsteht ein Vergleich zwischen einer Art mich zu organisieren und dem Ergebnis. Ein neues Produkt kann ich mittels eines Projekts oder eines Prozesses schaffen. Ich würde über Deine Spalten eher „schlechte Projektführung“ (links) und „gute Projektführung“ (rechts) schreiben.

    Beste Grüße
    Holger

  2. Hallo Holger,

    danke für Dein Feedback. Ich hab die Grundlage für den Artikel nochmal auf Martys Seite gesehen… da steht „IT Mindset“ anstelle von Projekt. Ich bin mir nicht mehr sicher, wann sich bei mir der Begriff Projekt eingeschlichen hat. Ich brauche also einen neuen Begriff für die linke Spalte – da bin ich bei Dir. Die linke Spalte beschreibt eine (häufig gelebte) Dysfunktion und Projekt(management) ist nicht grundsätzlich dysfunktional.

    Allerdings würde ich der rechten Seite nicht den Begriff „gute Projektführung“ zukommen lassen. Dazu ist mir der Begriff Projekt zu stark belegt (und zwar anders als deine Beschreibung von Projekt).

    Das Spannungsfeld besteht zwischen dem Ziel „Vorhersehbarkeit herstellen“ und „Neues zu lernen“. Projektmanagement hat für mich viel mit „Vorhersehbarkeit herstellen“ zu tun (übrigens kam diese Antwort auf einem PMI Kongress, bei dem ich mal vor 400 Leuten gesprochen habe). Ein weiterer Punkt ist aus meiner Sicht, dass darauf der Methoden Schwerpunkt z.B. im PMBok liegt.

    So sehr mir Deine Definition von Projekt gefällt – es ist (leider) nicht die, die viele Menschen mit Projekten verbinden.

    Anmerkung: Ich werde die Überschriften nach dieser Diskussion ändern – für spätere Leser der Kommentare: Die Überschrift war einmal 😉 Projekt vs. Produkt Mindset

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