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Verstopfte Austauschwege?

...da gibt's doch auch was von "Liberatiopharm"

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In diesem Artikel wollen wir dir Liberating Structures vorstellen und dir eine der Strukturen so erklären, dass du sie morgen mit deinem Team anwenden kannst. Als kleines Extra geben wir dir dann noch eine Sequenz mit weiteren Strukturen mit, die wir so bei der letzten Emendare-Retrospektive angewendet haben.

 

Auf der Suche nach besserem Austausch

Ihr kennt das bestimmt alle: Zuerst gibt es eine Präsentation, dann dominieren einzelne so lange die Diskussion, bis die Zeit fast vergangen ist. Der Versuch dann noch schnell eine Entscheidung zu treffen scheitert, weil kein richtiger Austausch möglich war.

Da ich oft Teil von solchen Prozessen war, bin schon lange auf der Suche nach Wegen, Austausch besser zu gestalten. Dabei bin ich schon vor einigen Jahren auf Liberating Structures gestoßen.

Einige der dort gelisteten Formate kamen mir auch sofort bekannt vor. Deshalb hatte ich auch zuerst einige Skepsis, da mir der Wert einer weiteren Methodensammlung fragwürdig erschien.

 

 

Als ich aber an verschiedenen Veranstaltungen teilnahm, in denen andere Liberating Structures zum Einsatz brachten, merkte ich schnell, dass die Strukturen dazu führten, dass alle Teilnehmer gleichzeitig aktiviert wurden und sehr viel Austausch parallel möglich wurde – ohne den gemeinsamen Zweck dabei zu verlieren. Das hat mich begeistert.

Befreiende Strukturen kurz erklärt

Als ich mich dann mehr damit beschäftigte, lernte ich warum das so ist. Liberating Structures folgen Design Prinzipien, die dazu führen, dass die Kontrolle in einer Gruppe möglichst weitgehend verteilt wird und immer alle Teilnehmer in jedem Schritt eingebunden sind. Zusätzlich sind die Strukturen einfach dokumentiert und werden lange erprobt, bevor sie in den offiziellen Fundus aufgenommen werden. Das bedeutet, dass man sie auch ohne große Moderationskenntnisse anwenden kann. Der Zugang zu besser strukturiertem Austausch für alle, die ihn benötigen, wird so deutlich vereinfacht.

Als ich kürzlich Henri Lipmanovicz (rechts), neben Keith McCandless (links) einer der Väter der Bewegung, persönlich kennenlernen durfte, hat er diesen Punkt sogar noch unterstrichen. Henri sieht Liberating Structures explizit nicht als einen Werkzeugkoffer für Berater und Moderatoren, die eine Gruppe von außen führen, sondern als einfach erlernbare Fähigkeiten für diejenigen, die damit konkret an einer Sache arbeiten.

Die Sammlung ist außerdem sehr vielseitig. Sie umfasst Strukturen für das Sammeln und Teilen von Informationen, für deren Analyse, für das Finden von Lösungsansätzen, für das Priorisieren von Inhalten und für die gegenseitige Hilfestellung.

Dabei gibt es eher extrovertierte Strukturen, die eine Gruppe in einen wuseligen Austausch bringen, als auch eher introvertierte Strukturen, bei denen es leise und ruhig zugeht.

Diese Eigenschaften ermöglichen, dass man die Strukturen zu einem sogenannten String verbinden kann, indem man für jeden Schritt eine auswählt und diese dann einfach hintereinander hängt. Die Kombinationsmöglichkeiten sind so vielfältig, dass man beliebige Herausforderungen in einer beliebigen Gruppe bearbeiten kann.

 

Die Struktur Spiral Journal

Um euch etwas mitzugeben, das ihr direkt mal selbst in eurem Team ausprobieren könnt, möchte ich eine meiner derzeitigen Lieblingsstrukturen mit euch teilen. Es handelt sich hier um eine Struktur, die ihr noch nicht im offiziellen Fundus finden könnt. Ich finde sie aber schon sehr gelungen und vielfältig anwendbar. Es handelt es sich um die Struktur „Spiral Journal“.

Spiral Journal eignet sich besonders, um eure Teilnehmer zu einem Thema in die Selbstreflexion zu bringen. Das kann ein guter erster Schritt in einem Prozess sein, da man anschließend mehr Klarheit über seinen eigenen Standpunkt hat und die anschließende Diskussion wertvoller wird.

Um das Spiral Journal zu moderieren, bewaffnet ihr zuerst alle Teilnehmer mit einem ganz normalen A4 Blatt und einem Stift. Dann ladet ihr die Teilnehmer ein, das Blatt zwei Mal der Länge nach zu falten, so dass vier Felder entstehen.

Jetzt fordert ihr die Teilnehmer auf in der Mitte des Blattes, so langsam und eng wie möglich, eine Spirale zu zeichnen. Dafür gebt ihr zwei Minuten. Dieser Schritt mag erst komisch wirken, aber die Idee dahinter ist, sich erst einmal zu fokussieren. In der Regel merkt man, wie Ruhe einkehrt und sich jeder auf sein Blatt konzentriert.

 

 

Dann beginnt ihr der Reihe nach vier Einladungen in die Gruppe zu geben, jeweils eine pro Feld, und folgt dabei der Richtung der Spirale. Für jeden Schritt gebt ihr zwei bis drei Minuten. Wenn man auf die Gruppe achtet, dann ist es nicht schwer zu erkennen, wann genug Zeit vergangen ist. Weiter geht es zum nächsten Feld und der nächsten Einladung, bis alle vier Felder bearbeitet sind. Wichtig ist, dass ihr immer nur eine Einladung gebt, die möglichst klar ist, und nicht alle vorab, da die Teilnehmer euch so besser folgen können.

Am Ende könnt ihr abfragen, welche Erkenntnisse die Übung hervorgebracht hat und die Teilnehmer diese teilen lassen. Ich empfehle euch hierzu aber eine weitere Struktur zu verwenden, beispielsweise Impromptu Networking.

 

Die richtige Einladung zur richtigen Zeit

Jetzt fragt ihr euch sicher noch, welche Einladungen ihr verwenden könnt. Einen Vorschlag dazu könnt ihr der Dokumentation der Struktur entnehmen.

Ich persönlich nutze aber jeweils auf das zu erreichende Ziel angepasste Einladungen. Dabei hat man die Möglichkeit, sich an einem kleinen, vierstufigen „Coaching-Prozess“ zu orientieren.

In der letzten Emendare-Retrospektive habe ich folgende Einladungen verwendet, um mit einer positiven Grundlage zu starten und die Gedanken auf darauf aufbauende Verbesserungen zu lenken:

  • In letzter Zeit besonders gut gelungen ist mir…
  • Als Team haben wir in letzter Zeit besonders gut hinbekommen…
  • Eine ebenso gute Entwicklung wünsche ich mir noch bei…
  • Wenn wir das lösen, dann würde möglich, dass…

Probiert die Methode einfach mal bei einer eurer nächsten Zusammenkünfte aus. Es würde uns natürlich sehr freuen, wenn ihr uns berichtet, wie es funktioniert hat.

Den vollständigen String, den wir in der letzten Retrospektive durchlaufen haben, habe ich euch als kleines Extra in Form eines Story Boards zusammengeschrieben. Damit habt ihr auch etwas Inspiration, wie Spiral Journal in einer Sequenz mit anderen Strukturen zum Einsatz kommen kann.

Unseren Retro-String herunterladen

 

Tiefer Einsteigen mit unseren Impulsen

Wir setzen die Strukturen bei Emendare und bei unseren Kunden schon seit längerer Zeit auf vielfältige Art und Weise ein. Fast täglich bringen wir so Menschen zusammen, entfesseln positive Kräfte und verändern damit die Kultur ihrer Zusammenarbeit.

Gerne unterstützen unsere Coaches euch bei der Gestaltung eurer Events mit Liberating Structures und führen individuelle Lernveranstaltungen dazu bei euch im Haus durch. Sprecht uns bei Interesse einfach an!

Nehmt Kontakt auf: info@emendare.de

Außerdem möchte ich euch zu unserem öffentlichen Workshop nach München einladen.

Dort werden wir 2 Tage lang allerlei Strukturen ausprobieren, um in einem weiteren, dritten Tag zu üben, wie man damit Strings für eine eigene Herausforderung designt. Unterstützen werden uns dabei Anna Jackson und Fisher Qua, zwei langjährige Liberating Structures Pioniere aus den USA. Bei Interesse, meldet euch hier an:

Zum Workshop: https://bit.ly/LS_Immersion_MUC

Bild des Autors

Daniel Hommel

Agiler Coach

Seit meinem achten Lebensjahr ist Softwareentwicklung mein Steckenpferd. Ab 2005 begann ich die Praktiken des Extreme Programming (XP) immer ernsthafter anzuwenden und fing an, mich mit Software Craftmanship und Clean Code zu befassen. Nach über 10 Jahren als Entwickler wurde ich 2011 in die Rolle des ScrumMasters gerufen. Heute brenne ich als Agile Coach vor allem dafür, Veränderungsprozesse zu begleiten, um die versteckten Potenziale in Ihrem Unternehmen zu heben.

daniel.hommel@emendare.de

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